Mittwoch 02. September 2009 Die Casapultbaumeyster von Hermannstadt

Von: Christian Rummel

Es begab sich wohl an eynem schönen sonnigen Tages in eynem Hochsommer des XXI. Jahrhunderts n. Chr. ,
Es sey im Jahre MMIX gewesen.
Die Gesellen der Bruderschaften waren gerade am Glockenturm der evangelischen Kirche beschäftygt und ließen den Blick während des Mahles über die Dächer Siebembyrgens schweyfen als ihnen Rat der Stadt Hermannstadt die Kunde übersandte, das ein neues Katapult zu bauen sey, welches am östlichen Rand der Stadtmauer postiert werden sollte, welche dort 1470 fertig gestellt wurde.

Alsbald wurde in der Herberge der Bruderschaften am Huetplatz eine Zusammenkunft einberufen, eyfrig gerechnet und diskutiert, wie dies Unterfangen wohl am besten umzusetzen sey. Da dies der erste Auftrag dieser Art für die Gesellen war, und die alten Überlieferungen, wie Verteidigungs- und Belagerungsmaschinen genau zu bauen waren, schon vor langer Zeit verschollen waren.
Man einigte sich auf eynem sogenannten Trybock, eyner Art Schleuder, die vorn an eynem kurzen Hebel ein schweres Gewicht besitzt und hinten am Wurfarm ein Seyl mit Ledertasche, welche zur Aufnahme des Geschosses dienen sollte..

Die Planungen wurden oft bis in die späten Abendstunden der benachbarten Trynkstube bei Bier und Weyn fortgeführt und so wurde dem Rat die Kunde übersand, dass die Planung abgeschlossen sey und der Preis von 600 Sylberstücken in Vorraus entrichtet werden soll..
Dieser war einverstanden und so wurden bald darauf im Schatten der Tyrme der Töpfer- und Zimmererzunft gemeinsam Balken behauen, Beschläge geschmiedet und Seyle gespleisst. 4 Wochen später war es dann soweyt, die Wurfmaschienery wurde unter den neugierigen Augen von Rat, Bürgern und Klerus am Grossen Marktplatz aufgebaut und auch liesen unsere Gesellen es sich nicht nehmen, ihr Werk mit einigen gut gezielten Schüssen quer über den Platz vorzuführen, an dessen Ende nur leyder das Zelt eines Ordens stand, in welchen die feynen Damen der Rittersleut doch etwas in Mitleydenschaft gezogen wurden.
Da just an diesem Tage gerade in Hermannstadt der große Markt stattfand und viele Händler, Gaukler und hohe Herren der Obrigkeit anderer Städte Siebenbürgens eynige
Tage in Hermannstadt zugegen waren, trug es sich zu, dass auch Abgesandte der im Norden gelegenen Stadt Bistiz Interesse an solch einer Maschinerie bekundeten und ob es möglich sei, selbyges Katapult nach Bistriz zu schaffen.





Wie bereits erwähnt, fand diese Geschichte in diesem Sommer statt und nicht etwa vor 500 Jahren. Nach dem diesjährigen Sommerprojekt dar Casa Calfelor kam die Kulturabteilung der Stadt Sibiu auf uns zu und fragte an, ob wir fürs diesjährige Mittelalterfestival ein Katapult bauen könnten. Natürlich sagten wir zu, zumal es noch dazu um eine bezahlte Auftragsarbeit handelte, dieser Auftrag schon sehr in Richtung experimentelle Archäologie ging. Nach aufwendiger Planung und Dynamischen Schussberechnungen am PC fertigten wir binnen 2 Wochen den Nachbau eines so genannten Tribocks, vom Boden bis zur Spitze des entspannten Wurfarmes etwa 5,50 m hoch.
Unsere Konstruktion stellte quasi die höchste Evolutionsstufe mittelalterlicher Katapulte dar, welche bis zum 16. Jahrhundert im Einsatz waren.

Als Material verwendeten wir Fichte, zum Teil selber behauen, zum Teil behauenes Altholz.
Die Verbindungen wurden allesamt im zimmermannsmässigen Abbund mit Stirnversätzen, Zapfen, Holznägeln und Verkämmungen ausgeführt.
Sämtliche Metallteile wie Bolzen, Auslösemechanismus und Abwurfmechanik wurden selbst geschmiedet. Es wurden keine Spax, Maschinenschrauben o.ä. verwendet.
Historisch korrekt eben.

Schon die ersten Schussversuche am Mittelalterwochenende waren sehr zufrieden stellend,
auf welchen wir jedoch lediglich Wasserballons als Munition verwenden durften, welche jedoch mit relativ hoher Wiederholpräzision auf ca. 70 m genau ins Zelt einer Rittertruppe trafen, die dort Schaukämpfe veranstalteten.

Zwar wurden wir viel bejubelt,doch das war uns jedoch nicht genug.
In der darauf folgenden Woche verfrachteten wir des Nachts das Katapult auf ein großes altes
Industriegelände am Stadtrand von Sibiu und erprobten dort das Katapult bis an seine Belastungsgrenzen. Dabei beluden wir den vorderen Gewichtskasten mit etwa 170 kg Gestein,
legten ein Steingeschoss von ca. 1-2 kg in die lederne Wurfschlaufe und trafen auf ca. 130 m fast kontinuierlich die Fläche eines kleinen Vorgartens.

Die ganze Geschichte war jedoch nicht immer ungefährlich. Der Wurfarm entwickelte durch das Hebelgewicht ungeahnte Kraft und benötigte mindestens vier Leute, die ihn spannten.
Desweiteren flogen manche Geschosse nicht wie geplant in einer weiten Parabel nach vorn, sondern stiegen durch zu frühes Aushaken oft senkrecht nach oben.
Mich selbst verfehlte ein Geschoss nur um wenige Meter, unnötig zu erwähnen, dass ein solcher Treffer wahrscheinlich tödlich ausgegangen wäre.

Fazit des Ganzen:
Alles in allem ein sehr gelungenes, ja fast archäologisches Experiment und sehr interessant festzustellen, dass man damals mit einem etwas größeren Maßstab durchaus in der Lage gewesen war, eine Stadt zu belagern.

– Nur in der Fremde ist es möglich, völlig neue Eindrücke zu gewinnen, die sich an Orten, wo man schon einmal gewesen ist, mit jenen der Erinnerungen überlagern. Darin besteht die Magie der Erde, als ob jeder Standort ein einziges persönliches Blatt Papier sei, das beim ersten Besuch neu, bei jedem weiteren weiter geschrieben würde. -

Jener erste Abend der Reise war geprägt von Eindrücken, wie nächtlicher Kleinstadtromantik, einer verrauchten Zigeunerbeiz mit billigem Bier und dreieinhalb Quadratmeter großem Nichtraucherraum oder einer amüsanten Karaokeveranstaltung mit anschließender Übernachtung in der Kneipe. Weiter ging es über den Karpatengürtel mit obligatorischer Fahrt in Dacia und Caruţa (rum. Kutsche), in der man die Welt so anders erlebt als beim Mitfahren in Autos. So sollten sich die Mauern aus losen Steinen in Drahtkäfigen, die die Hänge am Straßenrand vor dem Einsturz bewahren sollen, als unvergessliches akustisches Erlebnis darbieten, das nur das Echo klappernder Hufe hervorzauberte. 

Moldawien, Bukowina, eine schöne Region im Herzen Europas, berühmt für seine unzähligen Klöster, die auch dem nichtreligiösen Menschen sehenswert seien. Unerwartet gestaltete sich das Wochenende. Was als harmloser Ausflug mit einer Studentengruppe zur Besichtigung einiger Klöster begann, wurde schnell zur Hetzjagd von einer Kirche zum nächsten Kloster und nahm damit leider ein wenig den Reiz des Schönen, indem es in ein religiöses Getriebensein umschwappte. Selbst der Lichtblick dieser Tage, auf einer Zigeunertaufe wenigstens an das gesegnete Hopfengebräu zu kommen und vielleicht noch ein wenig die Party zu genießen, wurde durch den Ausruf „This is no traditional romanian music!“ getrübt. Immerhin bleibt die architektonische Kunst der Baumeister unter Stefan cel mare zu loben und die von außen (!) bemalten Kirchen sind mehr als bewundernswert.

Von Osten nach Westen. Eine Nacht in Cluj, dann über Huedin in den Teil der Karpaten, der zwischen Cluj und Oradea gelegen ist. Es begann mit einer Wanderung über Berge und durch Wälder. Am Ufer eines Sees ein Adler, einen Steinwurf entfernt. Die Nächte am Lagerfeuer in wilder Natur, der Ruf eines Wolfes in weiter Ferne, nur der Müll, der an schönen Orten überall herumliegt, achtlos liegengelassen, vermag es, die archaische Schönheit ein wenig zu entstellen. In Huedin, der Kleinstadt, in der ein Zigeunerpalast neben dem Nächsten steht, gab es ein Ungarnfestival, bei dem ungarische Minderheiten nicht nur aus Rumänien sowie eine Gesandtschaft der Roma musikalische Darbietungen ihrer traditionellen Musik gaben. Bei Şuncuiuş stand noch ein Höhlenbesuch an, gefolgt von einer Einladung zum Essen am Flussufer. Die anschließende Wanderung über die Hügel zur Höhle des alten Mannes, blieb aufgrund fehlender Ausrüstung ohne Besichtigung, führte aber zum Kennenlernen von sehr netten Menschen, die einen kleinen Bergbauernhof betrieben und gerade dabei waren, Heu in traditioneller Weise auf zu türmen, zu frisch gemolkener Mich und letztendlich zum Schlafplatz im Stall. Eine letzte Caruţa-Fahrt leitete das Ende der Reise ein.